Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 10 / 2008:
von: Dr. Siegfried Sunnus


"An der Kreuzung Spener-/Melanchthon¬straße in Moabit liegt ein Stolperstein. Einer von vielen im Viertel. Auf der kleinen, in den Boden eingelassenen Messingplatte vor dem ehemaligen Wohnhaus des Opfers stehen Name und Lebensdaten. Marianne Peukert, geb. Seligsohn, lebte dort mit ihrem Mann und ihren drei kleinen Kindern. 1941 wurde sie verhaftet und zwei Jahre später in Auschwitz ermordet. Die Kinder wurden aufs Land verschickt, die älteste Tochter lebte schließlich in Bremen. Deren Tochter zog vor einigen Jahren nach Berlin. »Ich wusste natürlich, dass meine Mutter hier geboren und aufgewachsen ist.« Wo genau, das war kein Thema gewesen. Zwei Jahre hat es gedauert, bis ihr klar wurde, dass Mutter und Großmutter genau im Haus gegenüber gelebt hatten. »Offenbar ist hier mein Ort und ich habe ihn gefunden, ohne das zu wissen.«

Inzwischen hat die professionelle Mezzosopranistin den Mädchennamen ihrer Großmutter angenommen und heißt Kim Seligsohn. Sie hat auch den Stolperstein verlegen lassen, findet aber das Gedenken durch den Stein zu anonym. Sie war doch ein Mensch, der durch mehr charakterisiert ist als nur durch Geburts- und Sterbedatum. »Schließlich hatte sie drei kleine Kinder und einen Ehemann, als sie abgeholt wurde. Außerdem war sie wohl wieder schwanger.« Auch wenn sie selbst ihre Großmutter nicht gekannt hat, habe sie doch immer Einfluss auf ihr Leben gehabt. »Ich habe gespürt, dass da irgendwas in der Vergangenheit liegen muss. Schließlich haben die Erlebnisse auch meine Mutter nicht kalt gelassen.« Geredet habe man allerdings niemals darüber. »Aber genau das muss endlich passieren. Auch nach 65 Jahren hängt uns dieses Trauma noch nach und wir geben es von Generation zu Generation weiter.«

Deshalb hat Kim Seligsohn Nachbarn und Freunde für den 13. September zu einer Gedenkprozession eingeladen. Es begann mit einer kleinen Rede um 10.30 Uhr am Stolperstein, ca. 170–180 Personen hatten sich versammelt. Dann setzte sich der Prozessionszug in Bewegung, angeführt von der Enkelin und einer zarten alten Dame, die die Großmutter noch gekannt hat! Das Ziel war die katholische St. Ansgar-Kirche am Hansaplatz. Hier sang Frau Seligsohn aus Händels Messias »Er weidet seine Herde«, aus der Matthäuspassion das »Erbarme dich«, begleitet von einer Geige, das israelitische »Hevenu schalom alejchem« und das englische »Amazing grace« – und für die eigene Mutter »Summertime« von Gershwin.

Bei der Nachfeier im blumengeschmückten Gemeindesaal bis 15 Uhr gab es ein Buffet – gesponsert von 20 Geschäften aus der Kirchstraße, die Frau Seligsohn persönlich aufgesucht hatte. Im Saal sang sie von Rachmaninow die »Hymne an das Leben«. Ganz erfüllt freut sie sich: »Es war so ernst, fröhlich und leicht. Juden und Christen und Muslime waren beisammen. Der evangelische Nachbarpfarrer ebenfalls. Von elf Menschen im Umkreis einiger Meter von meiner Wohnung erfuhr ich, dass ihre Familien ebenfalls vom KZ betroffen gewesen waren. Mit dem Sohn eines früheren Mitglieds der NSDAP konnte ich ein versöhnendes Gespräch haben.«

Der Kreis hat beschlossen, jedes Jahr am zweiten Samstag im September dieses Gedenken zu begehen – und als Dankeschön an alle hat Frau Seligsohn für den 4. Oktober zu einem Konzert in das Teehaus im Englischen Garten eingeladen.

Dieser aus der privaten Initiative von Kim Seligsohn erwachsene öffentliche Akt einer »civil religion« fasziniert und könnte für manche Stolpersteine Vorbild werden.


Deutsches Pfarrerblatt, ISSN 0939 - 9771

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Verband der Vereine evangelischer Pfarrerinnen und Pfarrer in Deutschland e.V.
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